Warum mich Marokko zum Nachdenken gebracht hat

Wir Deutschen jammern ja bekanntlich gerne. Wir sind quasi nicht nur im Damenfußball, sondern auch im Jammern Weltmeister. Ist ja auch okay, denn jedes Land hat so seine Macken und ich nehme mich da gar nicht aus. Wobei, eigentlich jammere ich als überzeugte Optimistin ziemlich wenig. Weil es das Leben einfach einfacher macht.

Wie auch immer, wenn’s uns Deutschen “schlecht” geht, dann beschweren wir uns. Ich frag mich manchmal, ob das überhaupt notwendig ist. Und nachdem ich ein so gegensätzliches Land wie Marokko kennengelernt habe, frage ich mich das noch viel öfters.

Marokkanische Straße

Umwelt

Wenn man in Marrakesch aus dem Flugzeug steigt, dann sieht man als allererstes: MÜLL. Naja, vielleicht nicht direkt auf dem Vorfeld, aber spätestens draußen auf der Zufahrtsstraße wehen einem die ersten Plastiktüten entgegen. Ich war noch nie (nie!) in einem Land, das so vermüllt ist wie Marokko. Und zwar überall: Straßen, Gärten, die Landschaft. Mich wundert das gar nicht, denn ich habe während meiner Reise keinen einzigen Mülleimer gesehen (Pardon: Da war mal einer auf einem Rastplatz zwischen Agadir und Marrakesch. Halbleer allerdings, und mit ein paar Tüten daneben).

Eine Kleinstadt in Marokko

Das Prinzip der Mülltrennung kennt man hier nicht und von so urdeutschen Erfindungen wie dem gelben Sack hat sowieso noch niemand was gehört.

Marokko wird deshalb in naher Zukunft ein echtes Umweltproblem bekommen, denn auch viele Böden sind verseucht. Noch denkt jedoch scheinbar niemand daran, dass diese Entwicklung auch dem Tourismus empfindlich schaden könnte.

Wasser

Mit Leitungswasser Zähne putzen, mal kurz den Apfel waschen oder auch einfach aus dem Hahn trinken – in Marokko ist das gar nicht so einfach. Für deutsche Verhältnisse ist die dortige Trinkwasserqualität suboptimal und wenn man sich nicht unbedingt ein paar gesundheitliche Probleme einfangen will, dann sollte man besser Flaschenwasser benutzen.

Flaschenwasser als sichere Wahl

Den Luxus eines sauberen und reinen Trinkwassers schätze ich jetzt erst so richtig und das wird sich nach meinem Trip nach Südostasien bestimmt nicht ändern – im Gegenteil!

Soziale Absicherung

Armut ist auch so eine Tatsache, mit der man als Reisender täglich konfrontiert wird. Na gut, es kommt natürlich darauf an, wie man reist, wo man logiert und was man sich anschaut. Aber zumindest einen kleinen Einblick in die sehr einfachen Verhältnisse der Einheimischen sollte jeder bekommen, der ein wenig die Augen aufmacht…

Einfaches Leben in einem Bergdorf

Ich weiß ja gar nicht, wo ich beim Thema Armut überhaupt anfangen soll. Umgerechnet 300€ beträgt das Durchschnittsgehalt eines marokkanischen Arbeiters und obwohl die Lebenshaltungskosten natürlich bedeutend niedriger sind als bei uns, ist es schwer damit über die Runden zu kommen oder gar eine Familie zu ernähren. Apropos Familie: Ich weiß nicht, ob ich’s mir nur einbilde, aber ich habe dauernd und an jeder Ecke schwangere Frauen gesehen. Sorry für das Klischee, aber ich hatte wirklich den Eindruck, als sei die Hauptaufgabe einer guten muslimischen Ehefrau, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen.

Und wenn wir schon beim Thema Frauen sind: Eine geschiedene oder ledige Frau hat es unglaublich schwer, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Auch als Witwe ist es nicht leichter, denn Geld vom Staat gibt es nur dann, wenn der Ehemann auch für den Staat gearbeitet hat. Ansonsten gibt’s einfach mal nichts. Keinen einzigen Dirham. Als Witwe ist man somit völlig abhängig von der Familie, die in Marokko einen sehr hohen Stellenwert hat.

Marokkanische Frauen

Bildung

Meinen Recherchen zufolge beträgt die Analphabetenrate in Marokko etwa 55% (ohne Gewähr) – bei Frauen etwas mehr, bei Männern etwas weniger. Ich weiß nicht genau, wie’s mit dem Rest Afrikas so aussieht, aber ich finde das ziemlich hoch. Natürlich besuchen mittlerweile sogar viele junge Marokkaner eine Universität, trotzdem hat mich das niedrige Bildungsniveau wirklich überrascht.

Übrigens: Die Marokkaner (vor allem die männlichen) sind Meister der Langsamkeit! Wenn die Mehrheit der Bevölkerung (hier sind auch wieder die Männer gemeint) für’s Kehren eine Stunde braucht, mit dem Esel unterwegs ist und danach den Rest des Tages mit Minztee und Tabak am Straßenrand oder im Nachbarsladen verbringt, dann kann’s irgendwo nicht aufwärts gehen mit der Volkswirtschaft. Wie gesagt, das sind meine Beobachtungen und die sind mit Sicherheit nicht auf alle Marokkaner anwendbar.

Auf dem Djemaa El Fna

Lebensverhältnisse

Müll, schlechte Wasserqualität, Armut und fehlende Bildung führen häufig dazu, dass die Menschen (vor allem auf dem Land) in SEHR einfachen Verhältnissen leben. Sprich simple Lehmhäuser mit teils ungedeckten Dächern, alle Generationen in einem Raum (!) und die einfachsten Transport- und Arbeitsmittel. Am Anfang habe ich gedacht ich sehe nicht richtig, als wir mit dem Taxi einen Eselkarren nach dem anderen überholt haben. Aber das ist in Marokko völlig normal. Genauso wie uralte Mercedes, Taxis ohne Fenster und mit nicht mehr verschließbaren Türen oder auch LKWs, die so alt aussehen, als hätten sie das Baujahr meines Großvaters.

Taxis Baujahr anno dazumal

Noch so ein altes Exemplar

Die Straßen sind meist dreckig und nach sinnflutartigen Regenfällen hoffnungslos überschwemmt. Und viele Läden haben nicht mehr als 3m²  – egal ob es sich um einen Supermarkt, Bäcker, Metzger, Friseur oder Immobilienmakler handelt. Da kommt man sich als Tourist mit sündhaft teurer Spiegelreflexkamera manchmal echt blöd vor.

Im Supermarkt

Der Metzger: Schlachtung vor Ort inklusive

Beim marokkanischen Friseur

Ein "Maklerbüro"

Deutschland  ist ja doch gar nicht so schlecht…

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben’s echt gut hier um den Weißwurstäquator herum. Und in Deutschland allgemein. Meistens sind wir so in unsere Probleme vertieft, dass wir das gar nicht merken. Und genau deshalb lohnt es sich, auch mal zu sehen, wie anders das Leben sein könnte. Und dass wir in vielem (nicht in allem!) echt Glück haben.

Always happy travels!

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11 responses to “Warum mich Marokko zum Nachdenken gebracht hat

  1. Hallo Ramona, ich habe auch deinen Artikel gelesen. Es ist toll, dass du so einen Vergleich gezogen hast. Natürlich beklagt man sich in Deutschland über viele Sachen, z. B. beklagen sich manche Eltern darüber, dass sie ihren Schulkindern ein paar Bücher kaufen sollen. Hallo??? In vielen Ländern dürfen nicht alle Kinder überhaupt zur Schule gehen…..In vielen Ländern der Welt bekommt man monatlich viel weniger als 300€ und lebt in viel schlechteren Verhältnissen. Es ist halt nicht überall so wie in Europa, und vor allem in Deutschland:)

    • Hallo Ljuba!! Ja, du hast vollkommen Recht 🙂 Zwar gibt’s auch bei uns Dinge, die man verbessern könnte und ich finde es generell auch sehr wichtig, dass man sich dafür einsetzt oder auch mal Kritik übt. Aber im Großen und Ganzen geht’s uns hier wirklich sehr gut!

  2. Wirklich ernüchternd wie es in manchen Teilen der Welt zu geht. Als Deutscher ist es sicherlich dekadent zu sagen, dass es den Marokkanern wohl noch gut geht im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Gerade die Araber sind nämlich Weltmeister im Menschen ausbeuten! Gestern habe ich einen Artikel gelesen, wie nepalesische Arbeiter in Katar für den Bau der WM 2022-Stadien ausgebeutet werden. Pass wird abgenommen und an die Arbeit bei über 40 Grad! 44 sollen schon gestorben sein, 4.000 Tote werden befürchtet. Hier muss die Weltgemeinschaft handeln! Bei allem Wohlstand also, was ist es wert ein weltweites Fußballfest auf Kosten von Tausenden Menschenleben zu feiern, in einem Wüstenstaat, der dafür einfach nicht geeignet ist? Aber genug echauffiert, der Mensch muss eben ganze Städte in die Wüste bauen, Palmeninseln anlegen und und und… oder er ist mit dem zufrieden was er hat: alte Mercedes-Taxen, kleine Ladengeschäfte und Minztee!
    Mach weiter so! Liebe Grüße aus San Francisco!

    • Stimmt Alex! Das mit den Arbeitern in Katar höre ich zum Beispiel zum ersten Mal…ist manchmal wirklich schockierend, in welchen Bedingungen Menschen ausharren bzw. leben müssen…
      Viele Grüße in die Staaten!

  3. Pingback: Eindrücke aus Kambodscha | always happy travels·

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